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Beschluß im Gemeinderat

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Artikel "Sächsische Zeitung" vom 14.08.2025


Eigenheime statt Gärten immer wahrscheinlicher
In Nünchritz soll eine Kleingartenanlage einem Wohngebiet weichen. Widerstand regt
sich kaum.


Von Jörg Richter

Es ist kurz nach halb Neun. In der Kleingartenanlage an der Gartenstraße in Nünchritz
sind schon einige Leute aktiv. Es wird ein heißer Tag. Jetzt sind die Temperaturen noch
angenehm, um im Garten etwas zu machen.
Vor allem ältere Menschen sind da, gießen ihre Beete oder nehmen Pflaumen und
Birnen ab. „Es ist ein sehr gutes Obstjahr. Die Bäume hängen voll“, sagt eine 70-jährige
Frau. Sie will heute Kartoffeln lesen. Denn sie braucht Platz, um Erdbeeren fürs nächste
Jahr zu pflanzen. Gärtner denken eben voraus.
Erste Häuser frühestens ab 2030
Ein paar Jahre werden die hiesigen Kleingärtner noch säen, pflanzen, jäten und ernten
können. Aber nicht mehr ewig. Denn die grüne Oase soll einem Wohngebiet weichen.
Wenn die Gemeindeverwaltung Nünchritz ihren Zeitplan einhalten kann – und so sieht
es derzeit auch aus – könnten die ersten Eigenheime ab 2030, spätestens 2031 gebaut
werden.
Am Montag hat der Gemeinderat getagt und den nächsten Schritt gemacht. Er beschloss,
dass das Meißner Ingenieurbüro Arnold Consult beauftragt werden soll, für rund 24.000
Euro einen Bebauungsplan für das Wohnungsgebiet Gartenstraße I zu erstellen.
Alle Gemeinderäte stimmten zu. Auch, weil es offenbar keinen Widerstand gibt. „Wir
haben schon mehrfach darüber beraten, aber nie ist einer von den Kleingärtnern da
gewesen, um sich darüber zu beschweren“, sagt Karsten Werner von der AfD.
Diesmal war Hans-Jürgen Starke, der Schatzmeister des KGV Kleingartensparte
Nünchritz, zur Gemeinderatssitzung gekommen. Er warb mit eindringlichen Worten für
den Erhalt der Kleingärten.
„Wir regen uns auf, dass in Brasilien die Regenwälder abgeholzt werden, aber hier
versiegeln wir gleichzeitig unsere eigenen Grünflächen“, sagt er. Dass in Nünchritz eine
Kleingartenanlage mit rund 110 Parzellen einem Eigenheimgebiet weichen soll,
empfinde er als Verstoß gegen das Bundesnaturschutzgesetz.
86 Pächter an der Gartenstraße
Im Paragraf 1 Absatz 5 heißt es dort: „Freiräume im besiedelten und siedlungsnahen
Bereich einschließlich ihrer Bestandteile, wie Grünzüge, Parkanlagen,
Kleingartenanlagen und sonstige Grünflächen … sind zu erhalten und dort, wo sie nicht
in ausreichendem Maße und hinreichender Qualität vorhanden sind, neu zu schaffen
oder zu entwickeln.“
Wie Starke bestätigt, gehören zum KGV Kleingartensparte Nünchritz rund 210 Parzellen
in den Anlagen an der Gartenstraße, am Elbufer, an der Großenhainer Straße und an der
Karl-Marx-Straße. Aktuell habe der Verein 136 Mitglieder. Davon haben 86 eine Parzelle
an der Gartenstraße.
In diesem Jahr seien sechs Parzellen neu verpachtet worden, so Starke. Drei der neuen
Mitglieder seien nicht älter als 30. Zwei würden kurz vor der Rente stehen und einen
Ausgleich suchen, „damit ihnen nicht die Decke auf den Kopf fällt“, sagt er.
Die meisten Nünchritzer Kleingärtner leben in Wohnblöcken, die vor rund 60 Jahren
erbaut wurden, um jungen Chemiewerkern und ihren Familien ein Zuhause zu bieten.
Ein Stück Lebensqualität bedroht
Starke selbst ist in Nünchritz aufgewachsen, sei nach der Wende wie viele andere
Ostdeutsche der Arbeit in die alten Bundesländer hinterhergezogen. „Seit 2020 bin ich
wieder zurück“, erzählt er. Seine Parzelle an der Gartenstraße sei ein Stück
Lebensqualität, das nun bedroht ist.
Vor sechs Jahren wurde bekannt, dass die Gemeinde Nünchritz die Absicht hat, aus den
Kleingartenanlagen an der Gartenstraße eine Eigenheimsiedlung zu machen. Damals
noch unter dem ehemaligen Bürgermeister Gerd Barthold (CDU).
Dessen Nachfolgerin Andrea Beger (parteilos) hat dieses Erbe übernommen. „In meiner
Brust schlagen zwei Herzen“, sagt sie bei jeder Gelegenheit, wenn es um dieses Vorhaben
geht. So auch diesmal.
Sie habe auf der einen Seite großes Verständnis für die Nünchritzer Kleingärtner. Auf der
anderen Seite stehe das Industriedorf vor der großen Herausforderung einer
zunehmenden Überalterung. Ein neues Eigenheimgebiet soll vor allem junge Familien
anlocken. „Es ist eine Entscheidung für die Zukunft“, sagt sie.
Mit Verlust abgefunden?
Die älteren Kleingärtner, besonders die über 80 Jahre, scheinen sich mit dem
angekündigten Verlust in fünf Jahren abgefunden zu haben. Die Jüngeren eher nicht.
Zwar betont Bürgermeisterin Andrea Beger, dass mit dem neuerlichen Beschluss noch
nicht entschieden sei, dass das Eigenheimgebiet die Kleingärten verdrängt. Doch das soll
wohl eher die Pächter beruhigen.
Schon jetzt wird im Gemeinderat offen über zwei Varianten geredet. Variante 1: Alle
Kleingärten an der Gartenstraße sollen dem Wohngebiet weichen. Variante 2: Ein Teil
der Kleingartenanlage bleibt im hinteren Teil (Richtung Bahndamm) erhalten. Die Rede
ist von etwa 45 Parzellen.
„Wir sollten einen Mittelweg finden, um möglichst viele Gärten zu erhalten“, sagt Holger
Rautschek von der CDU. Er erntet dafür Zustimmung bei allen anwesenden
Gemeinderäten, egal aus welcher Partei oder Gruppierung.